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Plädoyer für eine kleine Herbstdepression

von Andrea

Plädoyer für eine kleine Herbstdepression

 

Wie jedes Jahr im Herbst, wenn mir die mich umgebende Natur meine eigene Vergänglichkeit stärker wiederspiegelt als zu anderen Jahreszeiten und die blinde Hoffnung auf Beständigkeit keine Chance mehr hat, besucht mich eine Herbstdepression. Inzwischen kann ich ganz heiter über sie plaudern, früher aber hatte sie mich gewaltig im Griff. Sie ist erheblich freundlicher geworden seit ich sie nicht mehr fürchte sondern höflich begrüße. Ich begrüße sie als jemanden, der in dieser Zeit zu mir gehört.  Sie kommt in der Zeit der kürzer werdenden Tage  und der sinkenden Temperatur, der tiefstehenden Sonne auf bunten Blättern.  So ist auch ihre Natur, dunkel und kalt mit Sonnenstrahlen auf buntem Laub.  Früher war sie für mich überwätigend wie C.G. Jungs  “dunkler Engel”,  heute nenne ich sie “depressio macchiato”, also eine dunkle Stimmung mit Flecken heiterer Phasen.

 

Eigentlich hatte ich sie ganz loswerden wollen. Jedoch machte sie sich immer breiter, wenn sie spürte, dass ich einen Fluchtversuch unternehmen wollte. Ich nehme ihr das nun nicht mehr übel. Ich weiß ja, ihr liegt meine Weigerung zugrunde, mich der Angst vor Tod und Vergänglichkeit zu stellen. Erfahrungsgemäß geht es mir aber viel besser, wenn ich mich stelle. Das Vermeidenwollen macht alles schlimmer und die Angst größer. Wenn ich jedoch meine Trauer über meinen gewissen Verfall und Tod durchlebe, hat die Angst keine Chance mehr: keine Hoffnung, keine Angst.

 

Ich betrachte die Natur und weiß, dass es das ewige Leben gibt, leider nur nicht das individuelle. Ich brauche mir also keine Sorgen mehr zu machen und keine Fluchtversuche unternehmen. Der Ausgang steht fest. Ich kann meine Energie einfach dafür nutzen, es mir ganz gemütlich zu machen.

 

https://heinrich11.wordpress.com/

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