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Was ist Kunst? Teil 1

von Andrea

Kürzlich mußte ich mich wieder einmal  fragen: „was ist eigentlich Kunst ?“ Ich saß mit meinem Vater im Wartezimmer seines behandelnden Arztes. Der Raum war mit abstrakten Gemälden geschmückt. Mein Vater fragte mich (etwas polemisch), ob dies Kunst sein solle. Erstens sei es nicht besonders schön und zweitens könne er das auch.

Was sollte ich dazu sagen? Er hatte ja vollkommen Recht. Und ob das nun Kunst war, keine Ahnung. Wie schwer Kunst zu erkennen ist, zeigen Geschichten von Reinigungskräften deutlich, welche allein durch gewissenhafte Ausübung ihrer Arbeit am falschen (Kunst?-)Objekt hohe Versicherungsschäden verursacht haben.

So hatte im Januar 2016, eine Putzfrau das Kunstwerk „Behausung 6/2016“ in der Philippuskirche in Mannheim mit Müll verwechselt, wie im „Stern“ unter der Überschrift „Ist das Kunst oder kann das weg“ zu lesen war. ( der Titel stammt von Christian Saehrends Documentabuch) Die Künstlerin Romana Menze-Kuhn hatte das Werk aus Europaletten und Rettungsfolien gestaltet. Es sollte für Menschen in Not stehen, die mit geringen Mitteln ihre Unterkunft schaffen müssen. Die Reinigungskraft riß die am Boden bestigten Folien ab.

Da sich das Werk nicht reparieren ließ, steckte die Künstlerin die abgerissenen Teile in eine Mülltonne und integrierte diese in ihr Werk. „Die Teile, die fehlen, symbolisieren für mich Menschen, die Schutz suchten in der Behausung und auch im Altarraum der Kirche. Sie landeten jetzt in der Tonne.“, sagt Menze-Kuhn. Es gibt also eine neue Installation, sie heißt „Behausung 2a/2016“.

Aha, hier gab es nun offensichtlich zwei Kunstwerke. War der Eingriff der Reinigungskraft dann überhaupt ein Verlust? War die Skulptur „Behausung 6/2016“  wertvoller als  „Behausung 2a/2016“ oder war sie mehr Kunst als die andere. Vielleicht war es auch umgekehrt. Ich denke sogleich an das Unwetter 2007, das auf der Documenta in Kassel die Skulptur „Template“ von Ai Weiwei einstürzen ließ. Der Künstler kommentierte dies so: „Das ist besser als vorher.“

Aber nicht immer wird das so gesehen. Im Herbst 2011 entfernte eine Putzfrau einen Kalkfleck aus einem Werk von Martin Kippenberger („Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen“) im Museum Ostwall in Dortmund. Bei dem Werk handelte sich um einen Holzplattenturm, unter welchem sich mittig ein Gummitrog und in diesem auch der Kalkfleck befand . Das Werk war eine Leihgabe. Der Versicherungswert betrug 800.000 Euro. In dem Fall habe sich das Kunstwerk nicht verbessert, sagte Gerhard Finckh, Direktor des Von-der-Heydt-Museums in Wuppertal. Bei Ai Weiwei sei dies anders gewesen. (s. http://www.welt.de/kultur/article13698825/Eine-Putzfrau-wirft-die-Frage-auf-Was-ist-Kunst.html. Daraus soll nun einer schlau werden.

Der erste Vorfall dieser Art, an den ich mich erinnere, war berühmte Fettecke von Joseph Beuys auf der Documenta 1986, die ebenfalls von einer Reinigungskraft beseitigt wurde. Auch in diesem Fall war das Kunstwerk unwiderbringlich verloren. Mit dem Fett wollte Beuys ein Werk schaffen, das seine Farbe und Konsistenz verändert, das „lebt“ und – genauso wie der Mensch – irgendwann nicht mehr da ist. Die Putzfrau hatte den Prozess des Verfalls offensichtlich zu sehr beschleunigt und damit erreicht, dass nunmehr auch die Kunst nicht mehr da war.

Sind Putzfrauen Kunstbanausinnen? Ist das abstrakte Gekritzel und das in die Ecke geschmierte Fett überhaupt Kunst? Und wenn ja, wieso denn? Wieso ist dann das Fett in der Ecke meiner Küche kein Kunstwerk? Kalk- und Fettflecken können offensichtlich dann Kunst sein, wenn damit eine Aussage verbunden ist. Man kann den weggeputzten Kalkfleck auch nicht einfach wieder hinmachen, weil es nicht mehr derselbe wäre. „Das Original ist eben das, wo ein Künstler zum ersten Mal etwas gemacht hat“, meint Raimund Wünsche, Kunstbuchautor und pensionierter Direktor der Münchener Glyptothek. „Deshalb hat es oft eine besondere Intensität.“ Es geht um die Idee – nachmachen kann jeder. (Quelle wie vor). Es geht also um den schöpferischen Vorgang, um den eigenen, unverwechselbaren Ausdruck.

Na, klar, darum sind die Bilder von Beltracchi keine Kunst, bzw. keine Kunst mehr (als man noch nicht wußte, dass es Fälschungen sind, waren sie ja noch Kunst). Obwohl er unglaublich gut malen kann, macht er keine Kunst, weil er kopiert bzw. im Stil eines andern malt. Kunst kommt ja nicht von Können und kopieren reicht nicht, oder?

Andererseits jedoch kopiert Jeff Koons ja auch, nämlich Spielzeug, und seine Werke gehören zu den am Kunstmarkt am teuersten verkauften. Und auch Andy Warhols hatte kopiert, mit seinen „Brillo Boxes“ von 1964  hatte er die im Supermarkt erhältlichen Kartons für Brillo Putzkissen exakt nachgebaut; diese sind Ikonen der Popkultur geworden.

Marcel Duchamp geht noch einen Schritt weiter, er machte sich die Arbeit des Kopierens erst gar nicht. Er kaufte sich einen Flaschentrockner im Kaufhaus und signierte diesen. Der „Flaschentrockner“ bekam dadurch einen Wert von zig tausend Franc.

Und es kommt noch dicker: Der Hamburger Kunsthallenchef Werner Hofmann, der in den 60er Jahren eine Hamburger Pop-Art-Ausstellung veranstaltete, wollte für die Schau auch gern einen solchen Flaschentrockner und schrieb dem Künstler. Duchamps antwortete, Hofmann könne diesen im Kaufhaus „Samaritaine“ an der Seine erstehen.

Sind beide im Supermarkt gekauften Flaschentrockner jetzt Kunst oder nur der signierte?

Und wenn Sie jetzt denken, ich hätte eine Antwort auf all meine Fragen, muß ich Sie enttäuschen. Na, klar, es gibt Definitionen für Kunst. Aber sie sind zahlreich und widersprechen einander. Außerdem sind sich Künstler und Philosophen nicht einig, wer die Definitionsmacht hat (natürlich möchte sie jeder für sich).

Was meinen Sie? Wissen Sie, was Kunst ist?

(Text zuerst veröffentlicht unter https://heinrich11.wordpress.com/)

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One Reply to “Was ist Kunst? Teil 1”

  • Kommentar von Inge: Mein erster Dozent, an der VHS, war Thomas Berger, Freie Kunst, Meisterschüler. Sein Spruch für uns Schüler/innen war „Kunst kommt von Können, würde sie von Wollen kommen, würde sie Wunst heißen“. Das hörten wir häufig. Auch wenn es nur ein Spruch ist, so ist dieser wahr. Das beweise ich jetzt durch eine schöne kleine Geschichte, auch sie stammt von Thomas. Im fernen Japan kommt ein Mann zu einem berühmten Maler und bestellt bei ihm ein Bild von einem Schwan. Der Meister ist bereit, solch ein Bild zu malen und bittet den Käufer, in einem Jahr wiederzukommen. Sie vereinbaren einen Preis.
    Nach einem Jahr erscheint der Käufer im Atelier und verlangt sein Bild. Der Maler nimmt in seiner Gegenwart ein Blatt aus dem Schrank und malt mit einer Feder und Tinte einen Schwan auf das Blatt, gibt dieses dem Käufer und verlangt den vereinbarten Preis. Wie man sich denken kann, ist der Käufer empört, daß er für ca. 5 Min. Arbeit solch einen hohen Preis bezahlen soll und weigert sich. ‚Da bittet ihn der Meister in seine Zeichenwerkstatt. Alle Wände, alle Schränke, selbst der Fußboden sind bedeckt mit Bildern von Schwänen.
    Der Käufer ist beschämt und bezahlt, denn selbstverständlich ist der gezeichnete Schwan absolut vollkommen.
    Die Geschichte hat mir gleich gefallen, Thomas hat sie noch häufiger erzählt. Man weiß von den großen Künstlern, daß sie alle erst viel lernen mußten, um dahin zu kommen, wo sie am Ende Erfolg hatten. Kunst kommt von Können, aber eben nicht nur. Sondern auch von Kreativität, von etwas Neuem, was sie selbst entdecken oder dem sie sich anschließen.
    Ich selbst male ca. 30 Jahre, immer in einer Gruppe. Ich kann von mir nicht sagen, daß ich eine Künstlerin oder Malerin bin, aber auch mein Können hat sich vermehrt und Kreativität habe ich oft bewiesen, und ich weiß, daß diese auch jetzt noch existiert. Während dieser 30 Jahre habe ich viele Menschen in den einzelnen Kursen getroffen, manche sind weitergekommen, viele haben auch aufgehört – sie haben ihr Können zwar vermehrt, aber irgendwann ist ihnen die Kreativität abhanden gekommen, dann kann man nicht mehr erfolgreich Bilder malen, sie werden langweilig.
    Ich habe Vorlesungen über Kunstgeschichte besucht. Am meisten haben mich die über Moderne Kunst beeindruckt, nicht weil mir die so gut gefallen hat, sondern weil der Dozent so begeistert war und uns das Ungewöhnliche an diesen Werken so gut darbringen konnte. Ein Kunstwerk war die Zertrümmerung eines Flügels. Eigentlich fand ich diese Aktion total falsch und auch unnütz, ja, richtig verbrecherisch, dem Dozenten ist es aber gelungen, uns die Kunst daran zu vermitteln. Übrigens – Kunstvermittlung macht schön, ein interessanter Nebeneffekt. Wir haben Vorlesungen von den Anfängen der Kunst bis jetzt gehört und dabei einige Dozenten der HBK kennengelernt. Der Moderne war jünger, die davor alle schon älter und sahen sämtlichst „schön“ aus im Sinne von ausgeglichen und vollkommen. Einer davon war mein Nachbar, den ich eben auch alltags kenne. Der Beruf beeinflusst also das Aussehen eines Menschen?

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